Hier kannst du alles aufschreiben, was dir an Erlebnissen mit, von oder zu Völli einfällt:
02.August - 07:39 .:. Julia
Aber was ich voranstellen will, ist eigentlich keine Erinnerung. Trotzdem will ich es hier aufschreiben, weil es mir gerade so ein gutes Gefühl gibt und vielleicht manch anderem auch geben kann.
Letzte Nacht, kurz vorm Einschlafen, musste ich intensiv an Völli denken, und vor meinen Augen lief wieder dieser Film ab - die schlimmen Erinnerungen an die letzten Monate, als Völli im Krankenhaus war und alles was an Schrecklichem folgte. Das war mit krassen Gefühlen verbunden und starkem Herzklopfen. Wie damals. Plötzlich, ohne dass ich das irgendwie steuerte, tauchten da "neue Bilder" vor meinen Augen auf. Ich sah Völli - aber das waren keine Erinnerungen. Er hatte genau die Sachen an, in denen er beerdigt wurde (auch Mütze). Seine Haare waren länger. Er war da - wo auch immer - und er sprang rum mit seiner Gitarre. Er wirkte glücklich und ausgelassen. Da wusste ich irgendwie, dass es ihm gut geht!
Ich weiß nicht, woher diese "Bilder" kamen, es klingt schon echt seltsam, aber ich bin echt glücklich darüber... :-)
05.August - 09:39 .:. Volker (www.the-springs.de)
Ganz Zehlendorf?
Nein nicht ganz Zehlendorf. Zwei einsame Musikanarchisten stemmen sich erbittert gegen die R'n'B-Pop-Gedöns-Flutwelle, die die Zehlendorfer Straßen durchflutet und Häuser überschwemmt. Das einzige Problem: Die beiden kennen sich nicht. Noch nicht...
An einem schönen Sommertag hat eine Freundin 18. Geburtstag, sie feiert in ihrem Haus. Es gibt süße Cocktails und schlechte Musik.
Das ist ja grauenhaft. Aber zum Glück befindet sich auf der Terrasse dann doch noch ein Bierfass. Lecker, lecker! Außerdem kann man die Glastür zumachen, da hört man die Musik auch nicht mehr so doll. Ah, schon viel besser. Außer mir hat sich auch ein einiziger weiterer Outlaw (Völli)am Bierstand eingefunden. Und dann passiert ein Wunder: Denn unsere Freundschaft hätte gleich von Anfang an gar keine Freundschaft sein können: Ich zapfe ein Bier, Völli dreht sich um und haut mir das Glas aus der Hand. Der Biermörder! Pfui! Böse, böse! Irgendwie schafft Völli es dann doch, die böse Gewitterwolke über meinem Kopf zu zerstreuen (was auch möglicherweise daran gelegen hat, dass neben uns noch ein ganzes Bierfass stand)und wir fingen an, zu quatschen. Über dies und das. Und dann zu lästern. Über den Typen, der gerade so oberpanne rumtanzt. Dass wir die Musik zu seinen Bewegungen nicht sehen können, macht die Sache auch nicht gerade besser. Aber lustiger.
Ich glaube, wir haben den ganzen Abend die Terrasse nicht verlassen. Und irgendwie war das der Anfang der Freundschaft.
Zwei Rocker in Zehlendorf auf der Terrasse beim Bierstand. Wenn man's so sieht, musste das ja dazu führen, dass wir Freunde werden...
05.August - 13:55 .:. Nick (www.the-springs.de)
ich wollte auch schon die ganze Zeit was schreiben, kam aber noch nicht dazu. Gibt hier ja auch ne ganze Menge zu tun...
Eine Episode, an die ich mich immer wieder gerne, wenn auch mit leichtem Grauen erinnere, ist unser nächtlicher Sit-In auf dem Spielplatz genau neben meinem Haus. Wir kamen von der Probe oder vielleicht sogar von einem Konzert. Es war eine laue Sommernacht und wir entschieden, wie so oft, als Völli noch in Charlottenburg und damit nicht weit weg von mir wohnte, dass die Nacht noch viel zu jung sei und besorgten uns an der Tanke Bier, um zu besagtem Spielplatz zu tingeln.
Wie gesagt kam das zu der Zeit relativ oft vor und wir genossen das auch sehr. Nachts ist von der Hektik der Stadt überhaupt nichts zu spüren und man kann in Ruhe die Gedanken schweifen lassen, über dies und das nachdenken und Pläne schmieden. Kann sich erzählen, was so los ist, was einen bewegt und was man zu tun gedenkt.
Das taten wir ausführlich und es wurde darüber später und später. Als das Bier alle war enschieden wir uns, auf die Rum-Cola umzuschwenken, die noch bei mir im Kühlschrank lag. Gesagt getan, tat das unserer Laune auch überhaupt keinen Abbruch und das Gespräch ging tiefer und tiefer. Sachen, die man nur einem besten Freund erzählt, und das nur einmal. Über Leben und Tod, über die Ängste, die man hat. Das Eingemachte eben...
Irgendwann graute dann der neue Tag und wir entschieden, dass es jetzt wohl langsam Zeit fürs Bett sei. Bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten bildete sich übrigens auch Völlis Hass gegen Vogelgezwitscher zur Schlafenszeit, um das mal noch gesagt zu haben.
Jedenfalls packten wir unseren Krempel zusammen und machten uns noch auf eine Abschlußrunde über den Spielplatz. Wir schauten in ein kleines Spielhäuschen, das da steht und machten uns Gedanken, wie es wohl wäre, die draußen auf dem Spielplatz schlafen zu müssen. Plötzlich sprach uns eine Männerstimme an. Scheinbar aus dem Nichts. Wir erschraken zu Tode und wären wir 10 Jahre jünger gewesen hätten wir wohl Hals über Kopf reißaus genommen. Es lag Tatsächlich ein Landstreicher in diesem Häußchen und ranzte uns an, ob wir es denn jetzt wohl bald hätten, er wolle jetzt endlich schlafen und das ginge nicht bei dem ganzen Gequatsche. Wir stammelten eine Entschuldigung und machten uns vom Acker so schnell wir konnten. Was für ein Schreck!!
Das ist eine Geschichte, die mir wohl ewig in Erinnerung bleiben wird. Natürlich wegen des exorbitanten Schreckens, aber vor allem, weil ich Völli in dieser Nacht so nahe war, wie noch nie und vielleicht auch wie nie wieder. Sie steht auch stellvertretend für die vielen lauen Nächte, die wir zusammen verquatschten. Sie fehlen mir unendlich und ich werde sie nie vergessen.
05.August - 14:19 .:. Friedemann (www.friedemannkootz.de)
Ich lag bei Julia, Völlis Mitbewohnerin und meine Freundin, im Bett. Es war mitten in der Nacht oder grade frühster Morgen, also ca. 14 Uhr.
Julia war aufgestanden und in die Küche gegangen um ihren Kaffee zu kochen. Die Tür stand sperrangelweit offen und aus Völlis Zimmer drang leise Rockmusik an mein Ohr. Ich war noch Schlafbenebelt.
Plötzlich steht Völli im Türrahmen. Die Gitarre um den Hals. Er schaut mich an, schlägt einen Akkord auf der Gitarre an und singt laut mit britischem Akzent "Dain Päinis is garnischt mall so klain, trotzdäim findest du keine Frauuu". Ein Schlußakkord verlässt seine Gitarre und er verschwindet in seinem Zimmer so plötzlich wie er aufgetaucht war.
Mein Hirn beginnt die Situation zu erfassen und Julia kommt mit Kaffee ins Zimmer. Ich glaube so ein dämliches Gesicht hat sie an mir noch nie gesehen... ;)
14.August - 10:32 .:. Julia
Ich wollte nach Berlin ziehen, das stand fest. November '05. Mein Studium in Greifswald war soeben vorbei und nun der Sprung in die Großstadt - die Hauptstadt. Was ich da wollte? Keine Ahnung, erstmal ankommen. Mit dem Zug und dann mit der S-Bahn zum Ostkreuz. Ich hatte eine Wohnung in Aussicht. Eine WG, so wie ich mir das vorstellte für den Start hier. Also war ich auf dem Weg ins "Zebrano", um mich mit meinen potentiellen Mitbewohnern zu treffen. Ein "Tobi" und ein Typ, dessen Namen ich am Telefon nicht richtig verstanden hatte und der sich später als "Völli" vorstellen sollte. Ich kannte keinen von beiden, hatte Tobis Nummer von meinem Cousin Christoph bekommen.
Jetzt war ich gespannt, was mich erwarten würde. Aufgeregt betrat ich das Café. Es schien noch keiner da zu sein. Ich wusste zwar nicht, wie die Jungs aussehen, aber es konnte eigentlich keiner von den Gästen sein. Aber dieser komische rotbärtige Typ am Eingang, mit Hemd und Krawatte, war dann doch Tobi! Den hatte ich mir schonmal ganz anders vorgestellt. Wir suchten uns einen Platz und dann kam auch Völli - schon beim ersten Treffen zu spät...;-) Er sah mit seiner trendy Frisur und so ziemlich cool aus und wirkte auf mich sogar ein bisschen arrogant.
Aber wahrscheinlich lag das eher daran, dass ich mir neben den beiden Berlinern wie ein echtes Landei vorkam. Als ich einen "Pfeffi" anbot, lachten sie nur. Das kannten sie nicht, denn das war "Ossisprache" für Pfefferminzdrops oder so.
Wir redeten kurz über so grundlegende Dinge wie "Seid ihr Früh- oder Spätaufsteher" (alle spät) und Ordentlichkeit. Die Worte der Jungs hab ich noch im Ohr: "Also eine gewisse Grundsauberkeit muss schon vorhanden sein!" Später würde ich beim Anblick unserer gemeinsamen Küche nur noch darüber lachen können...
Wir hatten nicht mal Zeit den Kaffee auszutrinken, denn die erste Wohnungsbesichtigung stand an. (Deshalb Tobis seltsamer Aufzug.) Ich kannte bisher kaum Berliner Altbauwohnungen, also war ich auf jeden Fall begeistert. Allerdings war die Zimmeraufteilung ungünstig und im Bad schimmelte es. Damit war für Völli die Sache vom Tisch. Er hatte schlechte Erfahrungen mit sowas.
Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, um noch eine andere Wohnung anzugucken. Die Jungs holten sich noch was zu Essen im "Spätkauf" und ich stieg wieder in die S-Bahn und fuhr zu Christoph nach Kreuzberg. Für mich war das irgendwie eine andere Welt. Ich lief durch die dunklen, kalten Straßen dieser Stadt und dachte plötzlich 'Was machst du hier eigentlich?? Willst du das wirklich? Ist das dein Leben?' In dem Moment fühlte ich mich echt verloren.
Mit Christoph redete ich bis in die Nacht hinein. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Mit zwei fremden Jungs in eine WG ziehen?! Die Katze im Sack kaufen? Zumal ich mich beim Treffen mit denen eher unwohl gefühlt hatte und sich dieses Gefühl zunehmend verstärkte. Das war nicht mein Ding. Christoph spürte das und sagte, er würde mir "an der Nasenspitze ansehen", dass ich nicht wollte. Aber was dann? Ich war extra nach Berlin gekommen. Christoph bot mir an, solange bei ihm bleiben zu können, bis ich was anderes gefunden hatte. Damit hatte ich mich entschieden. Ich würde am nächsten Tag zu dem Treffen fahren - um den Jungs abzusagen. Dann würde ich weitersuchen. Andere WG. Ohne Jungs. Ich war erleichtert.
Wenn es tatsächlich so gelaufen wäre, hätte ich Völli vielleicht nie kennengelernt...
Am nächsten Morgen musste ich verdammt früh aufstehen, denn der Termin war 8 Uhr irgendwas. Boxhagener Straße. Mir war das zwar unangenehm, aber ich wollte den Jungs persönlich absagen.
Es war ein strahlend schöner Novembermorgen. Die Luft war klar und kalt und der Himmel tiefblau. Ich stieg am falschen Ende der Boxhagener aus und musste so die ganze Straße runterlaufen. Nummer 21. Ich war spät dran. Als ich endlich da war, sah ich Völli vom Balkon winken. 3. Obergeschoss. Das Treppenhaus war eine Baustelle. Aber als ich in die Wohnung kam, war ich beeindruckt. Sie war groß, hoch, hell, alt und neu. Dielenboden. Stuck. Badewanne. 2 Balkons. Sonnendurchflutet. Traumhaft. Wie wäre es wohl hier zu wohnen...?
Völli war mit seiner Freundin da und meinte, Tobi hätte verschlafen. Wir waren alle drei begeistert und plötzlich war klar - hier ziehen wir ein! Meine eigentliche Absicht für dieses Treffen war wie weggewischt.
In der Nähe fanden wir einen kleinen Bäcker zum Frühstücken. Tobi kam dazu und bei Kaffee, Kuchen und Sonnenschein planten wir eifrig unser Zusammenwohnen. Plötzlich war es, als würden wir uns schon ewig kennen. Ich spürte freudige Aufregung und etwas völlig anderes als am Abend zuvor - ein verdammt gutes Gefühl!
Gleich nach dem Frühstück fuhren wir zur Hausverwaltung und setzten den Mietvertrag auf. Ich ging dann mit Völli noch zur S-Bahn und wir tauschten Handynummern. Wir hatten unsere Traumwohnung und das stimmte uns beinah euphorisch. Eine überschwengliche Umarmung.
Für mich ging es erstmal zurück nach Neubrandenburg, um den Umzug vorzubereiten. Aber vorher fuhr ich noch bei Christoph vorbei und schrieb ihm einen Zettel, dass alles ganz anders gekommen war und ich es mir selbst nicht erklären könnte.
Überglücklich saß ich im Zug und konnte nicht begreifen, wie sich das alles um 180 Grad gedreht hatte. Als sollte es so sein...
Ich habe das bald als eine der besten Entscheidungen meines bisherigen Lebens gesehen. Ich fühlte mich unglaublich wohl in Berlin, in meiner WG in Friedrichshain. Durch Tobi und Völli lernte ich innerhalb kürzester Zeit wahnsinnig viele Leute kennen. Für mich war alles perfekt.
Wenn ich betrunken war, hab ich oft zu Völli gesagt, wie glücklich ich darüber bin, in die WG gezogen zu sein und alle kennengelernt zu haben. Dass es überhaupt dazu gekommen war, wirkte für mich immer noch wie ein Wunder.
Ich erlebte dadurch eine der besten Zeiten meines bisherigen Lebens!
Sie dauerte 15 Monate. Ich bin unbeschreiblich froh über diese Zeit, diese Entscheidung damals. Ganz besonders, weil Völli so in mein Leben kam.
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